Kooperation ermöglicht Zeitzeuginnengespräch und Lehrer:innen-Fortbildung zur Arbeit mit dem biographischen Kinderbuch „Damals hieß ich Rita“ – Holocaust Education in der Volksschule

Renommierte Zeitzeugin erstmals in Österreich

Rozette Kats erzählt von ihrem durch den Holocaust geprägten Leben. Im deutschen Parlament, in Schulen – in den Niederlanden, Deutschland und nun erstmals auch in Österreich. Am 20. Mai war die engagierte Zeitzeugin im Tiroler Landhaus zum Gespräch geladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen von „Tirol erinnert“ und der Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“ und auf Basis einer Kooperation zwischen Land Tirol, dem OeAD-Programm ERINNERN:AT und der PH Tirol statt. Zu dem Kinderbuch „Damals hieß ich Rita“ (2024), das die Lebensgeschichte der Holocaust-Überlebenden schildert, wurden aktuelle Unterrichtsmaterialien erarbeitet, die auch schon für Volksschulen gedacht sind. Sie bieten kindgerechte und lebensweltorientierte Zugänge zur Geschichte der Shoa. Thematisiert werden darin Ausgrenzung und Gewalt, aber auch Hoffnung und Solidarität. Wie mit Volksschüler:innen damit gearbeitet werden kann, vermittelten die Entwicklerinnen der Materialien in einer Fortbildung an der PH Tirol am 20.5.2026 für rund vierzig Lehrer:innen von Volks-, Mittel- und Berufsschulen aus ganz Tirol.

„Mir ist es wichtig, jungen Menschen von meinen Erfahrungen zu berichten. Um auch aufzuzeigen, wie schlimm es ist, sich verleugnen und verstecken zu müssen. Jeder Mensch, der heute verfolgt wird, hat Anspruch auf unsere Anerkennung und unseren Schutz”, so die Zeitzeugin Rozette Kats.

„Eine international renommierte und bis heute so aktive Zeitzeugin nach Innsbruck zu holen, ist eine besondere Gelegenheit. Umso mehr freut es uns, dass dies durch die Kooperation mit dem OeAD-Programm ERINNERN:AT gelungen ist “, freut sich Cathrin Reisenauer, Vizerektorin für Forschung und Entwicklung an der PH Tirol.

Am Mittwochabend traf man im Rahmen des Zeitzeuginnengesprächs im Tiroler Landhaus zusammen. „Nur noch wenige Überlebende der NS-Herrschaft können aus eigener Erfahrung sprechen – oder von jenen Menschen berichten, die im Holocaust ermordet wurden. Umso wertvoller sind Veranstaltungen dieser Art”, meint der Historiker Christian Mathies von der PH Tirol und ERINNERN:AT, der – gemeinsam mit Patrick Siegele, dem Leiter des OeAD-Programms ERINNERN:AT – Rozette Kats nach Innsbruck geholt hat.

Hohe Relevanz für Lehrpersonen
Dem Zeitzeuginnengespräch voraus ging eine Fortbildungsveranstaltung an der Pädagogischen Hochschule Tirol für Lehrer:innen an Volks-, Mittel- und Berufsschulen in ganz Tirol. Vierzig Lehrpersonen nahmen daran teil. „Mit rund 2000 Fortbildungen jährlich sehen wir, wo Themen auf Resonanz stoßen. Die hohe Nachfrage bei dieser Veranstaltung zeigt deutlich: Die Auseinandersetzung mit Erinnerung und Holocaust ist für Lehrpersonen hoch relevant”, so Cathrin Reisenauer, Vizerektorin an der PH Tirol.

Die Angst vor dem Besprechen der NS-Zeit in der Volksschule nehmen
„Den Lehrer:innen soll die Angst genommen werden, diese Thematik anzusprechen“, meint Volksschullehrerin Monika Astenwald, die an der Volksschule Angergasse in Innsbruck unterrichtet und an der Fortbildung teilgenommen hat. „Beschäftigt man sich mit den Unterrichtsmaterialien zum Buch ‚Damals hieß ich Rita‘, löst sich schnell die Vorstellung auf, es ginge dabei darum, den kleinen Kindern Schreckmomente und Gräueltaten dieser Zeit zuzumuten. Nein. Es ist ganz wichtig, dieses Thema so kindgerecht und niederschwellig wie möglich zu thematisieren und damit früh zu beginnen. Die Kinder kennen das ja alle aus dem täglichen Geschehen in der Klasse: Themen, wie jemanden verraten, streiten, anders sein, Schwachen helfen und den Mut haben, für andere einzustehen. Und dass trotz aller Unterschiedlichkeit und Vielfalt etwas Gemeinsames entstehen kann. Die Behandlung dieser Themen und Fragen im Unterricht sind ein wichtiger Faktor für die Holocaust Education in der Volksschule.“

Holocaust Education für Volksschüler:innen: Altersgerechter Zugang über Kinderbuch
Mitorganisiert hat die Fortbildung der Historiker und Lehrer Christian Mathies, der auch zum Team von ERINNERN:AT zählt und an der PH Tirol arbeitet: „Uns ist es ein großes Anliegen, Lehrpersonen zu unterstützen, die sich im Unterricht mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzen. Gerade bei jungen Lernenden ist das Interesse an der Geschichte der Shoa oft sehr groß. Das Kinderbuch ‚Damals hieß ich Rita‘ erzählt die Geschichte von Rozette Kats auf besonders einfühlsame Weise und eröffnet einen behutsamen Zugang, um mit Kindern über Nationalsozialismus, Verfolgung und Holocaust ins Gespräch zu kommen“, erklärt Christian Mathies. Zu diesem Buch gibt es seit 2025 begleitende Lernmaterialien, entwickelt vom OeAD-Programm ERINNERN:AT und dem Anne Frank Zentrum in Berlin.

Illustratorin und Entwickler:innen der Unterrichtsmaterialien zum Kinderbuch zu Gast an PH Tirol
Zu Gast an der Tiroler Hochschule waren im Rahmen der Fortbildung die Illustratorin des Kinderbuchs, Francis Kaiser, die sich auch an der Entwicklung der Unterrichtsmaterialien beteiligt und dieses illustriert hat und die beiden Volksschullehrerinnen und Autorinnen der Unterrichtsmaterialien Gertraud Hoheneder und Sharon Stamberger Esztl. Sie stellten vor, wie man mit dem Buch arbeiten kann, welche Grundprinzipien bei der Bearbeitung des Themas berücksichtigt werden sollen und wie kindgerechte und lebensweltorientierte Zugänge zur Geschichte der Shoa ermöglicht werden können. Holocaust Education in der Volksschule thematisiert dabei nie die abgründigen und grausamen Gewalttaten, sondern vielmehr Themen wie Ausgrenzung, Flucht, Macht und Handlungsspielräume des Einzelnen. Im Fall der neuen Unterrichtsmaterialien geschieht dies mit einem Kinderbuch.

Statements

Rozette Kats, die seit den 1990er Jahren als Zeitzeugin in Schulen auftritt und am 20. Mai erstmals in Österreich zu Gast war. Im Tiroler Landhaus sprach sie über ihre Erfahrungen:

„Meine Hoffnung liegt bei den Jugendlichen. Ich möchte mit meiner Geschichte bewusst machen, dass jeder Mensch für seine eigenen Handlungen und Entscheidungen verantwortlich ist. Und dass die Jugendlichen nie eine Gelegenheit verpassen sollten, Gutes zu tun. Das ist mir wichtig. Sie sollten nie denken, dass sie alleine nichts bewegen können. Ich hoffe, die Menschlichkeit wird eines Tages Hass und Rache besiegen. Das ist mein Herzenswunsch.“

Vizerektorin für Forschung und Entwicklung der PH Tirol Cathrin Reisenauer:

„Zeitzeug:innen wie Rozette Kats machen erfahrbar, welche Bedeutung Geschichte für Menschen hat. Daraus ergibt sich ein klarer Bildungsauftrag: Kinder und Jugendliche früh dabei zu unterstützen, Ausgrenzung, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zu erkennen – und sich dagegen zu positionieren.”

Historiker und Lehrer Christian Mathies von der PH Tirol und ERINNERN:AT:

„Die Geschichte von Rozette Kats ist sehr traurig und berührend. Und doch enthält sie viele Momente der Hoffnung und macht Mut. Sie lenkt den Blick auch auf jene Menschen, die Verfolgten während der NS-Zeit geholfen haben. Uns ist es wichtig, diese Handlungsspielräume in der Auseinandersetzung mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust sichtbar zu machen. Rozette dabei zuzuhören, wie sie ihre Geschichte erzählt, war eine bewegende Erfahrung.”

Die Entwicklerinnen des Unterrichtsmaterials Francis Kaiser (Illustratorin Kinderbuch, Illustratorin und Autorin Unterrichtsmaterial), Gertraud Hoheneder (Volksschullehrerin, Autorin Unterrichtsmaterial) und Sharon Stamberger (Volksschullehrerin, Autorin Unterrichtsmaterial):

„Für unsere konzeptionelle, inhaltliche und illustratorische Arbeit war es uns wichtig, dass die Unterrichtsmaterialien für Lehrpersonen einfach zu handhaben sind. Volksschullehehrer:innen können das Material direkt in die Hand nehmen und de facto autodidaktisch damit arbeiten. Wir haben das Material außerdem so gestaltet, dass verschiedene Ebenen der Kinder angesprochen werden: emotionale, kognitive und haptische.“