Impulse, Dialoge und Diskussion an der Pädagogischen Hochschule Tirol im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung für Pädagog:innen, Lehrende und Studierende
Wie gelingt professionelles Handeln in einer von Migration geprägten Bildungslandschaft? Fragen in diesem Zusammenhang sorgen im Diskurs mitunter für polemische Diskussionen. Dabei sind sie von einer Relevanz, die eine feine Differenzierung, das Wahrnehmen verschiedener Perspektiven und das Respektieren vielfältiger Erfahrungen – kurzum, eine interessierte, fachliche und vertiefte Auseinandersetzung vielversprechend machen.
Wie können wir Bildungsräume gestalten, in denen alle Kinder Zugehörigkeit und Anerkennung erfahren? Wie können wir defizitäre Diskurse über Migration dekonstruieren? Und welche Perspektiven und Erfahrungen sind bisher unberücksichtigt geblieben?
In einer Fortbildung der PH Tirol am 21.2.2026 wurden solche Fragen in den Mittelpunkt gestellt. Als Fachveranstaltung für Pädagog:innen bzw. Lehrende – vom Kindergarten über die Volksschule bis zu Mittelschule, Gymnasium, berufsbildenden Schulen und Hochschulen sowie für Studierende und Interessierte – wurde ausgehend von Impulsen der Raum für Dialog und Austausch geöffnet, um das Thema Migration und Bildung differenziert und mit Blick auf die pädagogische Praxis zu beleuchten. Wissenschaftlich fundiert und praxisnah wurden dabei auch jene wichtigen Themenfelder in den Blick genommen, die bisher selten thematisiert werden, wie strukturelle Herausforderungen oder Unsicherheiten.
Entsprechend dieser Perspektivenvielfalt – von Schwierigkeiten über Ressourcen und konkreten Hilfestellungen, sowie aus der Sicht der Kinder, Lehrenden und Eltern – wurden nach Kurzimpulsen Dialogräume angeboten, in denen fundierte, praxisrelevante Beiträge aus Wissenschaft, pädagogischer Praxis und Beratung sowie eigene Erfahrungen und Fragen eingebracht, reflektiert und diskutiert werden konnten:
Der Dialograum von Miriam Hill, die an der PH Tirol als Dozierende im Bereich Inklusion und Migration tätig ist, thematisierte Zusammenhänge von Sprache, Macht und Haltung. Diskutiert – und infrage gestellt – wurde, wer überhaupt als Mensch mit Migrationsgeschichte wahrgenommen wird und wie wirkmächtig Sprache dabei ist. Beleuchtet wurden außerdem (defizitäre) Diskurse über Migrationsfamilien, ausschließende Praktiken und – umgekehrt – welche Chancen darin liegen, migrationsbezogene Vielfalt als Normalität anzuerkennen und Bildungsteilhabe zu ermöglichen. Zudem wurde erörtert, dass es wichtig ist, allen Kindern ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln, an ihre Lebenswelten anzuknüpfen und als Pädagog:in eine menschenrechtsbasierte Haltung einzunehmen.
Konkrete Methoden und Möglichkeiten, sprachliche Vielfalt im Klassenraum so zu nutzen, dass für alle Kinder ein Mehrwert und Lerngewinn entsteht, präsentierte Mehrsprachigkeitsforscherin und Leiterin des Bundesschwerpunkts Deutsch Didaktik in der Volksschule Julia Festman. Dabei wurden auch Mythen in den Bereichen Mehrsprachigkeit, Migration und Bildung aufgespürt und ihnen der aktuelle Stand der Wissenschaft gegenübergestellt.
Die Bedeutung von und Arbeit mit Kinderbüchern, Geschichten und Bildern wurde von der Leiterin der Fachstelle für Gender-, Diversitätskompetenz und Inklusion Alexandra Madl vorgestellt. Kinderbücher konstruieren mit, was als selbstverständlich oder erklärungsbedürftig gilt. Daher ist entscheidend, ob und wie sie Vielfalt darstellen und welche Vorstellungen von Zugehörigkeit und Anerkennung sie eröffnen. Kinderbücher können außerdem auch Anlässe bieten, um altersgerecht über Ausgrenzung, Abwertung und Rassismus ins Gespräch zu kommen. Im Rahmen des Dialograums wurden außerdem Orientierungen geboten, wie sich diskriminierungssensible Kinderbücher erkennen lassen.
Gamze Kilic und Nataša Maroševac von der Schulberatungsstelle für Migrantinnen und Migranten der Bildungsdirektion für Tirol beschäftigten sich mit der Kooperation zwischen Schulen, Kindergärten, Hochschulen, Verwaltung und außerschulischen Organisationen. Welche Rolle spielen Verantwortung, verlässliche Strukturen und echte Partnerschaften mit Eltern – und welche Chancen haben diese für Lehrpersonen und das Lernen der Kinder und Jugendlichen? Sprechen wir mit Eltern oder eher über sie?
Die Beratungslehrerin für Sprache Alev Yağmur-Karsak gab im Dialograum „Chancengleichheit und Bildung für alle“ einen Einblick in ihre Tätigkeit in Tiroler Pflichtschulen und ermutigte die Teilnehmenden, auch auf jene Bereiche zu blicken, die schwierig oder unbequem sind. Dabei thematisierte sie die Sicht und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsbiografie. Gefragt wurde u.a. nach dem Gelingen professionellen Handelns zwischen fachlichem Anspruch und schulischer Wirklichkeit, oder danach, welche Barrieren entstehen können und wie im schulischen Alltag trotzdem konstruktiv zusammengearbeitet werden kann. Sprache wurde dabei als Schlüssel für Teilhabe, Beziehung und Bildung verstanden.
Die Dialogräume eröffneten einen kritischen, engagierten, offenen und direkten Austausch, mit praktischen und theoretischen Anregungen, Fragen und Impulsen. Deren Ergebnisse wurden abschließend im Plenum vorgestellt. Deutlich wurden dabei etwa strukturelle Aspekte, wie die Relevanz der Haltung von Schulleitungen und gesamter Teams, die Rolle der Offenheit von Pädagog:innen etwa für innovative und inklusive Materialien. Ebenso wurde aufgezeigt, dass oft zu wenig hinterfragt wird, welche Erfahrungen Kinder mit Migrationsbiografie im Bildungssystem machen. Schule ist ein Lebensraum für alle Kinder, der tatsächlich Chancengerechtigkeit ermöglichen soll, gleichzeitig zeigen sich nicht selten Ausschließungspraktiken, Rassismen oder fehlendes Interesse an den Lebenswelten von Migrationsfamilien. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist kein Garant für eine gleichberechtigte Teilhabe.
Auch die Rolle der Pädagogischen Hochschule Tirol als Ausbildnerin von Lehrer:innen bzw. Pädagog:innen wurde thematisiert, als wichtige Ansprechpartnerin und auch im Vermitteln von Normalität der Vielfalt als Realität, und der wichtigen Botschaft: Du gehörst dazu.
Die Veranstaltung ermöglichte einen gewinnbringenden Austausch über verschiedene Bildungsfelder hinweg. Multiperspektivische Blicke und ein Fokus auf die Praxis öffneten Raum für Diskussion über zentrale Spannungsfelder und deren Bedeutung für das alltägliche professionelle Handeln. Als dialogisches Format angelegt bot die Veranstaltung die Möglichkeit, unterschiedliche fachliche Zugänge in einen reflektierten Austausch zu bringen. Sie erhellte Perspektiven, Spannungen und professionelles Handeln von Lehrer:innen bzw. Pädagog:innen in der Praxis und machte deutlich, dass viele Teilnehmer:innen durchaus positive Erfahrungen in ihrer pädagogischen Arbeit gemacht, einen reflektierten Blick entwickelt haben und offen für neue Ideen waren. Damit hat die Veranstaltung auch dazu beigetragen, den fachlichen Austausch voranzubringen und Best Practice Beispiele zu teilen.
Statements
„Gesellschaftliche Vielfalt prägt den pädagogischen Alltag. Migration und Mehrsprachigkeit werfen Fragen auf, die Kindergärten, Schulen und Hochschulen gleichermaßen betreffen. Wie Bildungseinrichtungen mit diesen Fragen umgehen, beeinflusst maßgeblich die Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen. Deshalb tragen wir als Pädagogische Hochschule Verantwortung, wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis zusammenzubringen und einen respektvollen, fachlich fundierten Austausch zu ermöglichen, auch dort, wo Positionen auseinandergehen. Dabei geht es nicht darum, Spannungen vorschnell aufzulösen, sondern Herausforderungen aus der Praxis besser zu verstehen und ihnen professionell begegnen zu können.“